Akademische Allgemeinmedizin und klinische Ausbildung: Ist das möglich?

In meinem Medizinstudium lernte ich, Anamnesen zu erheben, Patienten zu untersuchen, Krankheiten zu diagnostizieren und Erkrankte zu behandeln. Während zahlreicher Spitalspraktika gewann ich allerdings allmählich den Eindruck, dass bei vielen Patienten kaum langfristige Verbesserungen des Gesundheitszustandes zu erzielen waren. Mir wurde klar, dass viele Patienten von einem Gesundheitssystem mit verstärktem Fokus auf den niedergelassenen Bereich profitieren würden. Der Kontakt zum Hausarzt war während des Studiums jedoch auf wenige Praktika-Tage beschränkt.

Da ich mich im Verlauf meines Medizinstudiums für die Primärversorgung und die Verbesserung der öffentlichen Gesundheit immer stärker auch von wissenschaftlicher Seite zu interessieren begann, entschloss ich mich, ein Masterstudium in Public Health zu absolvieren. Daran anschließend begann ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemein-, Familien-, und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg zu arbeiten.

Obgleich mir die Mitarbeit in Forschungsprojekten sowie in der Lehre große Freude bereitete, bemerkte ich nach einigen Monaten, dass ich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch wieder klinisch tätig sein wollte. Zu meinem Glück unterstützte Frau Univ.-Prof. Dr. Maria Flamm, MPH, die Idee einer kombinierten Ausbildung zum Allgemeinmediziner am Landeskrankenhaus (LKH) Salzburg mit Forschung und Lehre an ihrem Institut von Anfang an. So begannen wir mit der Planung dieses „Pilotprojektes“ im Herbst 2014 und durften uns dabei der Unterstützung des Rektorats der PMU sowie der Ärztlichen Direktion des Salzburger Landesklinikums erfreuen. Vertragliche Details wie die Zuteilung fi xer Arbeitstage (drei Tage LKH, zwei Tage PMU) konnten, vielleicht auch begünstigt durch den momentanen Mangel an Turnusärzten, nach einigen Wochen fi xiert werden. Somit konnte ich im März 2015 mit meinem „Turnus“ beginnen und möchte nun ein gutes halbes Jahr später folgendes Resümee ziehen:

Der größte Vorteil lag zweifelsohne in der abwechslungsreichen Tätigkeit. So konnte ich beispielsweise neben der Ausbildung zum Allgemeinmediziner weiterhin Erfahrungen in der Lehre sammeln und in einem länderübergreifenden Projekt zur Arzneimitteltherapiesicherheit in Altenheimen mitarbeiten sowie einen Review über Ursachen des Brain-Drains von Jungärzten aus Österreich verfassen, der im Mai 2015 in der Wiener klinischen Wochenschrift erschienen ist.*

Am LKH durfte ich erfahren, dass der Turnus durch eine neue, wenn auch längst überfällige Kompetenzverteilung aufgewertet wurde: So hat etwa das Pfl egepersonal Blutabnahmen und das Legen von venösen Zugängen an vielen Abteilungen übernommen. Auf der Onkologie gibt es mittlerweile auch eigens ausgebildete „Zytonurses“, die Chemotherapien tagsüber verabreichen. Mitunter hatte ich freilich das Gefühl, als „Spritzenferdl“, der Venflons legt und administrative Tätigkeiten verrichtet, zu arbeiten. Dieser Eindruck mag allerdings durch die fehlende kontinuierliche Einbindung in den Stationsalltag verstärkt worden sein, womit ein Nachteil des Teilzeitarbeitens benannt ist. Dazu kommt, dass für die volle Turnus-Anrechenbarkeit sich die Wochenarbeitszeit im Spital auf mindestens 35 Stunden belaufen muss.

Alles in allem war dieses achtmonatige Pilotprojekt eine spannende, wenn auch manchmal sehr anstrengende Erfahrung. Die Kombination aus Forschung und Ausbildung zum Allgemeinmediziner könnte eine Möglichkeit sein, mehr junge Allgemeinmediziner für die medizinische Versorgungsforschung zu begeistern. Zumindest die Möglichkeit, ein wissenschaftliches Modul zu absolvieren, sollte es meiner Meinung nach in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner in Zukunft geben.

Herzlich danken für die Ermöglichung dieses Pilotprojekts möchte ich Frau Prof. Flamm, Herrn Prof. Resch und der Ärztlichen Direktion des LKH Salzburg.

Dr. Sebastian Scharer, MSc
Institut für Allgemein-, Familien und Präventivmedizin, PMU,
Salzburg